Ganz ehrlich und vorneweg: Ich schreibe unsere Geschichte auf, weil sie für mich nicht leicht war. Jonne ist nun 16 Wochen alt und ich komme immer besser mit dem Erlebnissen seiner Geburt klar, trotzdem muss ich noch oft daran denken. Und damit meine ich nicht nur die schönen Momente. Jonne war ein sogenannter Sternengucker und hat per Not-Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickt. Und das hat mir ganz schön zu schaffen gemacht. Deshalb freue ich mich über die Gelegenheit, unsere Geschichte auf HOWIMETMYMOMLIFE unter dem dazu passenden Thema „Geburt – Vorstellung vs. Realität“ zu teilen und habe mich dazu entschlossen, sie aufzuschreiben.

Aber von Anfang an: die Schwangerschaft verlief komplikationslos und Jonne ist ein absolutes Wunschkind. Natürlich denkt man, je näher der Geburtstermin heranrückt, auch an die Geburt. Aber Angst davor hatte ich nie. Ich war sogar überzeugt: „Das Kind bekomme ich schon irgendwie herausgepresst“. Konkrete Vorstellungen oder Prinzipien hatte ich auch nicht. Badewanne, PDA, Vierfüßlerstand – ich war für alles offen, hauptsache es funktioniert und tut gut.

Ich war schon vor der Schwangerschaft körperlich fit, habe bis zur 38. Woche Sport gemacht, ab der 36. Woche Himbeerblättertee getrunken, Dammmassage, Akupunkturnadeln im kleinen Zeh – ich war vorbereitet. Dachte ich. Natürlich hatte ich auch schon von sogenannten „traumatischen Geburtserlebnissen“ gelesen, mich aber gefragt, was an einer Geburt traumatisch sein kann. „Ist doch alles ganz natürlich, was reinkommt, muss ich rauskommen“. Dachte ich.

Und dann ging es los: drei Tage nach dem errechneten Termin wachte ich ganz klassisch nachts mit Wehen im Abstand von 10 Minuten auf. Die nächsten paar Stunden verbrachte ich abwechselnd lesend und Wehen veratmend auf dem Sofa bis ich früh morgens duschte und meinen Mann weckte mit der Bitte, mal lieber bei der Arbeit anzurufen, denn wir würden heute Eltern werden.
Kurz bevor ich mir noch etwas zum Frühstück machen wollte, denn Hunger hatte ich noch, verlor ich den Schleimpropf. Da bekam ich zum ersten Mal ein ganz klein bisschen Angst. Es folgte ein kurzes Telefonat mit meiner Hebamme, die ich bereits auf dem Sofa per whatsapp über den aktuellen Stand informiert hatte: „Klingt alles super, du schaffst das!“ Gegen 10 Uhr waren wir zum ersten Mal im Kreißsaal am CTG. Die diensthabende Hebamme stellte fest: Muttermund schon 4 cm offen. Super! Wir bekamen ein Familienzimmer, mein Mann wollte die erste Nacht bei uns verbringen, und Mittagessen. Wir plünderten sogar noch die mitgebrachte Naschtüte, die Wehen kamen immer noch im Abstand von 8-10 Minuten, zwar langsam kräftiger werdend, aber gut aushaltbar. Bis jetzt war alles super, aber ich war schon sehr aufgeregt, da ich nicht wusste, was mich noch so erwartet.

Um 14 Uhr gingen wir wieder in den Kreißsaal um mal wieder ein Blick aufs CTG zu werfen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt das Gefühl, dass es noch eeewig dauern würde, bis es „richtig“ losgeht. Hat es aber nicht, um 15 Uhr platzte die Fruchtblase und die Wehen kamen deutlich häufiger und schmerzhafter, der Muttermund war schon 8 cm offen. Die Hebamme empfahl mir, meinen BH auszuziehen „damit die Bahn frei ist“ und ich ging nochmal auf die Toilette. „Aber jetzt nicht pressen!“ rief sie, als ich dort saß. „Jetzt schon?“ Ich hatte immernoch das Gefühl, dass es noch Stunden, wenn nicht Tage dauern würde, bis unser Baby da sein würde.
Und dann kamen die Wehen. Ich veratmete sie im Stehen, auf dem Gymnastikball, auf dem Kreißbett, auf dem Rücken liegend, links, rechts – tatsächlich fand ich mich einmal auch im Vierfüßlerstand wieder. Die Hebamme bestand immer wieder auf einen Positionswechsel und später hat mir meine Nachsorgehebamme erklärt, warum: Jonne lag mit dem Gesicht nach oben und durch die Positionswechsel sollte er dazu gebracht werden, sich in die richtige Geburtsposition zu drehen.

Wie sich Wehen anfühlen und wie sie einen vereinnahmen, kann sich niemand vorstellen, der dies schon einmal durchgemacht hat. Außerhalb des Kreißsaals gibt es nichts und die Welt steht still, wenn da nicht dieser immer wieder kehrender Schmerz wäre, der durch den ganzen Körper fährt. Mir fuhr der Schmerz aber vor allem ins Steißbein. So sehr, dass ich zwischen den Wehen wimmerte und weinte und nicht mehr wusste, in welcher Position ich es am besten aushalten sollte. Als ich später mal „Sternengucker“ googelte, las ich, dass Mamas von Sternenguckern oftmals starke Rückenwehen und -schmerzen unter der Geburt haben.

Irgendwann, ich kann rückblickend nicht mehr sagen, wann genau was passiert ist, kam eine diensthabende Ärztin ans Kreißbett. Ich hatte sie schon bei der Geburtsanmeldung kennen gelernt und habe mir nichts dabei gedacht (Kann Frau überhaupt unter Wehen denken?), als die Hebamme nach einer weiteren Untersuchung und mit Blick auf das CTG am Telefon sagte „Fontanelle auf 13 Uhr“. Die Wehen kamen und gingen und der Druck nach unten wurde zunehmend stärker und irgendwann fing ich an zu pressen. Plötzlich bemerkte ich, dass an meinem Kreißbett zwei Ärzte, der Oberarzt war dazu gekommen, und die Hebamme saßen, mein Mann war natürlich an meiner Seite. Plötzlich kam Hektik auf, eine undefinierbare Menge an Menschen wuselten durch den Kreißsaal. Später erfuhr ich, dass die Saugglocke aufgebaut worden war. Diese kam aber nicht zum Einsatz, da Jonne nicht tief genug rutschte. Ich nahm alles nur sehr schwammig wahr, die Schmerzen vernebelten mich komplett. Da Jonnes Herztöne schlechter wurden, sagte der Oberarzt plötzlich: „So Frau Pia, das Kind muss da jetzt raus, sie müssen jetzt pressen oder wir müssen einen Kaiserschnitt machen“. Ich kann garnicht sagen, was ich in dem Moment dachte, aber rückblickend war dieser Moment einer der schlimmsten.

Die Hebamme mobilisierte nun alle gemeinsam zum Pressen. Mein Mann hielt mich im Nacken, ich sollte meine Kniekehlen greifen, die Hebamme gab mir sehr deutliche Kommandos, die Ärzte waren immer noch in Bereitschaft. Wir versuchten es 3 oder 4 Wehen lang und ich presste so gut es ging, aber ich merkte auch schnell, dass die Wehen schwächer wurden und der Druck nach unten nachließ. Dann fällte der Oberarzt die Entscheidung, dass es in den OP geht und im ersten Moment war ich erleichtert, dass diese Quälerei nun ein Ende hatte, aber im selben Moment bekam ich unglaubliche Angst vor dem, was mich nun erwartete. Die Ärztin setzte mir einen Zugang in die Armbeuge und spitzte mir ein Mittel, welches Jonnes Herztöne wieder verbessern sollte. Mein eigener Puls schnellte plötzlich hoch und die Ärztin beruhigte mich, dass dies nun meinem Kind gut tun würde.

Ich musste, und ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe, so, wie ich war, nackt und total fertig, auf ein anderes Bett klettern, wurde mit einem Laken zugedeckt und los ging die Fahrt. Ich schaute die ganze Zeit meinen Mann an, der neben dem Bett ging und meine Hand hielt. Ich war unglaublich erschöpft und hatte riesige Angst. Ich sah den Krankenhausflur und Lichter an mir vorbei ziehen. Im Vorraum vor dem OP musste mein Mann draußen bleiben, ich erinnere mich noch an den strengen Blick der Hebamme („so sind nun mal die Regeln und sie musste dafür sorgen, dass diese eingehalten werden“). In diesem Raum wuselten wieder unglaubliche viele Menschen herum, der Anästhesist stellte sich mir vor und auch andere Menschen redeten mir gut zu. Plötzlich kam erneut eine Wehe über mich und der Oberarzt tauchte neben mir auf und erklärte mir, dass er mir einen Wehenhemmer gibt. Ich musste nochmal (und ich dachte: „Euer Ernst?!?“) auf ein anderes Bett klettern. Nun lag ich da, Krankenhauspersonal fummelte und wischte an mir herum, ich hatte Angst und war völlig neben mir. Eine Maske wurde mir vor das Gesicht gehalten und mir wurde erklärt, dass ich tief einatmen sollte. Dann war ich weg.

Meinem Mann wurde ein paar Minuten später berichtet, dass sein Sohn auf der Welt war und es uns beiden gut ging. Er sollte im Kreißsaal auf uns warten. Ich wachte ca. 45 Minuten später wieder im Kreißsaal auf, meine Erinnerung habe ich aber erst ca. eine Stunde später. Um 18.46 Uhr hat Jonne das Licht der Welt erblickt. Er wurde in einem kleinen, fahrbaren Kasten, gut eingepackt in den Kreißsaal gebracht, wo mein Mann ihm empfing und ihn sich sofort auf die nackte Brust legte. Dies hatten wir, ca. drei Wochen vor dem errechneten Termin, als mir plötzlich aufging, dass ich mich überhaupt nicht mit dem Thema Kaiserschnitt beschäftigt hatte, besprochen. „Bleib um Himmels Willen so gut es geht bei dem Kind“ war meine Bitte an meinen Mann.

Dann lag plötzlich Jonne, mein Baby, auf meiner Brust und ich konnte eigentlich nichts wahrnehmen, außer dieser wunderbar weichen Babyhaut auf meiner eigenen. Jonne hatte die Augen geschloßen und sah einfach nur glücklich und wunderschön aus. Als ob es ihn überhaupt nicht gejuckt hat, wie er da gerade auf die Welt gekommen ist. Ich schaue mir so gerne die Fotos an, welche mein Mann in diesen Momenten von Jonne und mir gemacht hat. Und dann muss ich zum Glück nicht an den Not-Kaiserschnitt denken, sondern daran, dass mir ein Wunder geschenkt worden ist, welches mich und meinen Mann unglaublich glücklich macht.

Ich bin nicht von mir selbst enttäuscht, dass ich Jonne nicht natürlich gebären konnte oder habe das Gefühl, dass ich „es nicht geschafft“ habe. Ich habe es geschafft, einen gesunden Sohn auszutragen und auf die Welt zu bringen. Nur halt leider mit komplettem 16-Stunden-Wehenstreß und anschließender OP. Dieses Erlebnis hat mich ganz schön umgehauen. Der Babyblues kam am 3. Tag und ging erst drei Wochen später wieder. Und ich bin überzeugt davon, dass auch diese sogenannten „traumatischen Geburtserlebnisse“, die mir nun persönlich bekannt waren, zum Babyblues beigetragen haben. Rückblickend waren diese bedrohlichen Situationen – zwei Ärzte am Kreißbett, die Angst um Jonne, der Weg in den OP – am schlimmsten und diese Erinnerungen und Bilder haben mich sehr beschäftigt. Über die Geburt reden konnte ich nach dem Krankenhausaufenthalt erst ca. 4 Wochen später, mein Mann hat dies in der Zwischenzeit übernommen. Unglaublich finde ich immernoch, wie oft man, zum Beispiel mitten im Dorf-Supermarkt (hier kennt man sich), auf einen Not-Kaiserschnitt angesprochen wird. Sicher meinen die Leute es nur gut und mitfühlend, das ist aber nicht das, was ich brauchte. Was ich tatsächlich brauchte, waren viele Gespräche zunächst mit meiner Hebamme und dann mit meinem Mann und etwas Zeit um in meiner neuen Rolle als Mama anzukommen.

Noch heute frage ich meinen Mann oft nach kleinen Details während und nach der Geburt, zum Beispiel, wie es war, mit dem frischgeschlüpften Jonne im Kreißbett zu liegen, welche Person was gemacht hat oder wie er sich in den einzelnen Situationen gefühlt hat. Natürlich habe ich mir die Geburt meines ersten Kindes nicht SO vorgestellt, aber was am Ende zählt, ist, dass es uns gut geht. Auch wenn es einige Zeit dauert, mit dem Erlebtem fertig zu werden. Es gehört nun zu unserer Geschichte.

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